To interpret? Interpretieren?

Kommentar von Valerij Tomarenko, 03.11.2010:

Übersetzer russisch - Dolmetscher russisch

Ein großes Fragezeichen für jeden Dolmetscher steht hinter der Frage, wie weit er gehen, sprich: wie viel Freiheit er sich nehmen darf, wenn er merkt, dass das Dolmetschen („interpreting“ im engen „englischen“ Sinne, denn das englische „to interpret“ und das deutsche „Interpretieren“ halte ich für veritable false friends in der Übersetzung) allein nicht nur nicht ausreicht, sondern ja kontraproduktiv, im Extremfall gar sabotierend für die Kommunikation beider Parteien wirken kann. Wäre also das „Interpretieren“ in einem weiter gefassten, „deutschen“ Sinne, d.h. das „Auslegen“, „Ergänzen“ und „Kommentieren“, eher angebracht, um einen richtigen Dialog zu fördern und mögliche Missverständnisse zu verhindern?

Diese Frage stellte ich mir neulich, als ich für eine Delegationsreise hochrangiger russischer Regierungsvertreter und Bildungsexperten auf Einladung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in Bonn als Dolmetscher engagiert wurde. Es gibt klassische Fälle, bei denen der Dolmetscher sich gezwungenermaßen mehr Freiheit erlauben muss, um z.B. zwei sich touchierende Begriffe auseinander zu halten, wenn die beiden in der Zielsprache meistens nur eine lexikalische Entsprechung finden. So ist es im Russischen nicht leicht, begrifflich zwischen Zweck und Ziel oder effektiv und effizient zu unterscheiden. Ebenso wenn die englischen, zum Teil synonym verwendeten Bezeichnungen wie leadership und governance, partnership und twinning dazu kommen... Klar ist die Kreativität weniger gefragt, wenn es sich um möglichst präzise, eindeutige und klare Definitionen handelt, aber einiges muss man sich als Dolmetscher bzw. Übersetzer schon einfallen lassen, um feine Unterschiede nicht nur wortgetreu, sondern auch sinngemäß auslegen und übersetzen zu können.

Noch mehr Fragen nach den Spielräumen bei der Übersetzung und Interpretation ergeben sich, wenn der Dolmetscher wesentliche inhaltliche Diskrepanzen feststellt. Soll er selbst, aus freien Stücken etwa weiter ausholen, wenn ein deutscher Manager seinen Betrieb den russischen Besuchern präsentiert und über die Azubis spricht? Soll er (der Dolmetscher) lieber kurz und taktvoll darauf hinweisen, dass das deutsche duale System nicht überall in der Welt „for granted“ genommen wird und gerade dieser russischen Delegation, ob hochkarätige Fachleute oder nicht, völlig unbekannt ist, da dieser Betrieb die erste Station auf ihrer „study tour“ ist? Für den nichts ahnenden Präsentator öffnet sich damit eine Chance, sich über den Wissensstand des fremdsprachigen Auditoriums zu informieren, die Interessenslage seines Publikums abzufragen und eine für beide Seiten vorteilhafte, spannende Diskussion einzuleiten. Mit anderen Worten, eine bessere Verständigung – mit kommunikativer Unterstützung des Dolmetschers – zu erreichen.

Während meiner Reise mit der russischen Delegation fiel mir häufig die Gefahr auf, dass die Partner aneinander vorbei reden würden, wenn der Dolmetscher die Fragen zwar korrekt, aber zu „direkt“ übersetzt, ohne die richtigen Zusammenhänge deutlich zu machen. Fragt etwa der russische Zuhörer, „wie sieht es bei Ihnen aus mit...“, so meint er meistens damit „in Deutschland allgemein“. Die Antwort eines deutschen Firmenvertreters bezieht sich aber typischerweise ganz konkret und detailliert auf die Zustände im eigenen Unternehmen. Kein Wunder, dass der Fragende sich missverstanden fühlt. Manchmal muss man als Dolmetscher auch moderieren können, damit die Hintergründe von Fragen und Antworten für die beiden Parteien transparenter werden. So z.B. zeigte sich erst im Laufe einer moderierten Diskussion, dass die russischen Verwaltungsangestellten, die sich für das Thema e-government interessierten, vor allem über neue Möglichkeiten, auf elektronischem Wege die Korruption zu bekämpfen, von der deutschen Seite erfahren wollten. Dagegen behandelten die deutschen Experten das gleiche Thema entsprechend eigener Schwerpunkte, nämlich im Sinne von e-participation, also mehr Offenheit und Demokratie. Dass die gleichen Aspekte sich in den Vordergrund rücken, damit die beiden Seiten sich richtig verstehen und einen gemeinsamen Nenner finden, hängt von der Sprach- und Fachkompetenz des Dolmetschers ab, aber ebenso vom Können und Geschick des Dolmetschers als Moderator in einem interkulturellen Dialog.

Entscheidend ist die Frage nach Kommunikation. Danach richtet sich das Ausmaß einer aktiven, interpretierenden Beteiligung des Dolmetschers im Dialog zweier Parteien. Unserem Verständnis nach beschränkt sich die Rolle des Dolmetschers nicht auf die reine Übersetzung des gesprochenen Wortes, sondern beinhaltet auch ggf. das Interpretieren, wenn es für den Erfolg der Kommunikation notwendig und sinnvoll ist. So versteht unser Team bei Tomarenko Fachübersetzungen + DTP unsere Aufgaben als Dolmetscher und Übersetzer, interpreters und Interpreten, so setzen wir unsere Kenntnisse und skills ein - zum Nutzen Ihrer Kommunikation.