Locales

Kommentar von Valerij Tomarenko, 26.01.2011:

SDL Trados Übersetzer russisch

Ich mag locales. Ich definiere mich über locales. Locales vermitteln das Gefühl: Hier geht man differenziert und differenzierend vor. Hier wird man ernst genommen, hier darf man wählen und wird gewählt. Locales sind professionell, locales sind cool. In 99% der Fälle brauche ich keine locales.

Wenn Sie immer noch nicht wissen, was diese coolen locales sind: hier kurz Auskunft. Im engen Sinne (also wirklich sehr eng definiert) sind locales länderspezifische Anpassungen, die man bei SDL Trados vornehmen kann (vornehmen muss), wenn man z.B. eine Translation Memory anlegt. Grob gesagt, mit SDL Trados (mit den anderen CAT-Tools kenne ich mich weniger gut aus) kann ich nicht aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen, ich muss zunächst die locale, also die Sprachlokalisierung definieren. Ich muss als „source language“ entweder English (Australia) oder English (Belize) oder English (Canada) oder English (Caribbean) oder English (Ireland) oder English (Jamaica) oder English (New Zealand) oder English (Republic of the Philippines) oder English (Trinidad and Tobago) oder English (South Africa) oder English (Zimbabwe) oder English (United Kingdom) oder English (United States) wählen. "English (India)" ist nicht dabei und einfach „English“ oder „English (International“) gibt es bei SDL Trados nicht. Für Deutsch ist es einfacher: Hier kann (muss) ich mich zwischen Austria, Germany, Liechtenstein, Luxemburg und Switzerland entscheiden. Zum Glück übersetze ich meistens ins Russische, meine Muttersprache, und hier bei Trados gibt es nur eine locale: Russian (Russia). What else?

In letzter Zeit fällt mir immer häufiger die intelligent-witzige Erzählung von Horst Evers über die Wahl eines belegten Brötchens („Welche Sauce? Welche Brotsorte? Getoastet oder ungetoastet? Am Bahnhof Bielefeld um 7.50 sonntags morgen!“). Hören Sie sich die Autorenlesung von „Bahnhof Bielefeld“ selbst an, Sie werden es nicht bereuen, mindestens ein Schmunzeln ist Ihnen garantiert. (Was auf die Wahl von „alternativlos“ als das Unwort 2010 mit Sicherheit nicht zutrifft.).

Noch vor 10 Jahren fand ich das cool, wenn ein amerikanischer Copywriter mir einen Flyer mit dem Rückantwortcoupon ins Haus schickte, in dem er mich einlud, die exakte Variante – Brit. English, Am. English oder Int. English – bei der Auftragvergabe für einen Werbetext anzukreuzen. Heute stehe ich diesem Vorhaben etwas differenzierter gegenüber.

Jetzt aber zur echten Differenz. Zu diesem einen Prozent der Fälle, bei denen ich finde, es wäre gar nicht verkehrt, auch für die russische Sprache ein paar locales einzuführen und wählen zu können (von mir aus auch wählen zu müssen). Als Übersetzer sehen wir eine unserer Stärken im kommunikativen Ansatz, gepaart mit Kundenorienierung. Mit anderen Worten, wenn wir für unsere Kunden übersetzen, denken wir an ihre Adressaten. Es ist unter anderem dieses Mitdenken, was uns, menschliche Übersetzer, immer noch von der Maschine unterscheidet. Um den Adressaten im Sinne des Kunden zu erreichen, reicht eine maschinelle länderspezifische Sprachanpassung nicht. Da muss man selber, wie ein bekannter deutscher Chefredakteur in seinen Werbebotschaften zu sagen pflegte, „immer an den Leser denken!“. Leser ist aber nicht gleich Leser. Adressat, selbst so einer, für den nur eine locale („Russian (Russia)“) vorgesehen ist, ist auch nicht gleich Adressat.

Als deutsch-russischer bzw. englisch-russischer Übersetzer in Deutschland kenne ich mich ziemlich gut mit der locale aus, die BSR („so orange ist nur Berlin“, Berliner Stadtreinigungsbetriebe) für das Informationsmaterial für ihre russischsprachigen Kunden („Ratgeber Abfall für den Privathaushalt“) von mir erwartet. Auf der anderen Seite kann ich nicht in einem VW-Prospekt für den russischen Markt „Punkte in Flensburg“ einfach als „punkty vo Flensburge“ im Russischen stehen lassen. Das Differenzieren ist hier ein Muss. Die Differenz (zwischen Kulturen und Sprachen) ist auch etwas, was unsere Arbeit so interessant macht. Banal, wie es ist, aber: the variety is the spice of life. Darum mag ich nämlich locales. Locales sind eben professionel, locales sind cool.